SV Teutonia Riemke 2 – VfL Bochum 19:24 (12:15)
Für Fixe: Ein Ausrufezeichen im Derby – ein komplett freidrehendes Torhüterduo ist die Basis eines ungefährdeten Auswärtssiegs in der Böllhalle in Riemke. Der VfL sorgt im dritten Saisonspiel erstmals für eine deutlich stabilere Deckung.
Es gibt Spiele, für die gurken Handballer am weitesten – Auswärtsspiele im Holztempel in Olfen schießen direkt durch die Großhirnrinde – und es gibt Partien, zu denen bringt die Bochumer der Fußbus – beispielsweise das Triple B aus Basti Knihser und den Behnke Brothers zu Ballspielen beim BHC. So stark motorisiert wie in die Nachbarschaft nach Riemke geht es auch für den VfL allerdings selten. Zum U35-Derby bei Teutonia bringen die Buben mehrere tausend PS der Bochum-Gelsenkirchener Straßenbahngesellschaft und eben diese PS will und muss die Bochumer Handballmannschaft in den richtigen Farben auch auf die Platte bringen. Der Gastgeber aus Riemke hat zwar im ersten Saisonspiel eine empfindliche Niederlage in Rauxel hinnehmen müssen, aber bei Heimspielen zur Prime Time sind die Männer in den falschen Farben, aber mit dem richtigen Bier ein anderes Biest. So weiß der geneigte Zuschauer nie, welche Alt-Internationalen und vielversprechenden Jugendspieler noch den Weg auf den Spielberichtsbogen finden. Passend zur Vermutung findet sich schon vor der Halle das ein oder andere bekannte Gesicht, welches sich eigentlich in den verdienten handballerischen Ruhestand verabschiedet hatte.
Scheißegal, denn für die Gäste muss es so oder so unabhängig vom Gegner heißen: Schwamm drüber wie beim Halle putzen. Welche Spieler der gegnerische Trainer ins Rennen schickt, kann das heute aus Lars Sikorski und Andreas Lipuschek bestehende Strategenduo auf der Bochumer Trainerbank weder vorhersehen noch beeinflussen. Nach dem durchwachsenen Fazit der ersten zwei Wochen muss der VfL erstmal seine eigenen Hausaufgaben machen und sich an die eigene Hakennase fassen. Sowohl der knappe Sieg in Haltern als auch die Niederlage gegen Welper aus der Vorwoche berechtigen nicht zu übergroßer Euphorie, zu häufig riss der VfL den mühselig aufgebauten Vorsprung mit der eigenen Kehrseite wieder ein. Für die nächste Chance auf eine überzeugende Leistung konnte personell aus dem Vollen geschöpft werden. Den krankheitsbedingten Ausfall von Springfloh Leo Hardam, den schlappe zehn Hütten aus der Vorwoche offensichtlich direkt ins Lazarett befördert hatten, kompensierten mit Klaus Stage und Andi Scherer frische Kräfte und die Rückkehr der Behnke Brothers sollte – unterstützt vom Zauberfranken Jonas Knaust –ordentlich Tempo mitbringen. Als Spitze auf der Sahnetorte kann der Knorrwart die Glanzleistung des Ruhestands-Gohlis der Vorwoche nicht auf sich sitzen lassen und zwängt seine Gräten erneut ins schnieke Torwarttrikot. Der Spielplan muss damit klar sein – Tempo und Druck im Angriff kombiniert mit einer kompromisslosen Abwehr, die sich vom geduldigen Angriffsspiel der Gastgeber in Grün nicht einlullen lässt. Noch einmal bis zum Ellbogen reingegriffen in das charmante Talentunterstützungsgeschmier der Marke Select und mit einem satten Flatschen fliegt die Harzpille.
Die Partie startet etwas pomadig, in den ersten neun Minuten kann sich der VfL durch schnelles Spiel mit 2:4 absetzen und zeigt direkt, dass der schönste Sport der Welt einfach sein kann. Eine schnelle Mitte oder ein erweiterter Gegenstoß, mehr braucht es nicht, um klare Abschlusssituationen zu erzielen. Die Konsequenz der ersten Minuten zeigt die Bande im Folgenden nur noch punktuell, kann durch eine starke Deckung aber beim 5:7 und 7:9 den Abstand halten und wenn doch einmal ein Ball durch die vielarmige blaue Wand bricht, schwingt sich der Knorrwart zur bei seinem erhöhten Alter fast historisch bedingten Riemke-Form auf. Heber von Außen, freie Abschlüsse vom Kreis oder Knaller aus dem Rückraum – an fast allen Bällen hat David irgendwie die Finger. Überhastete Abschlüsse im Angriff und technische Fehler im Gegenstoß verhindern, dass die Gäste im weißen Dress sich schon in der ersten Halbzeit absetzen können. Die in dieser Phase immer wieder in kleinen Nickeligkeiten und Wortgefechten ausbrechenden Emotionen gehören auch zu einem neben der Platte so freundschaftlichen Derby dazu, helfen aber dem Spielfluss der Bande nur eingeschränkt. Auch wenn Teutonia beim 12:13 in der 28. Minute Tuchfühlung herstellen kann, sind es zwei schnelle Tore von Bjarne Behnke und Gordon Kempkes, die zur Pause einen etwas standesgemäßeren Abstand auf die Anzeigetafel ballern.
In den engen, kuscheligen Katakomben der Riemker Böllhalle gibt es nur einen klaren Punkt: Der VfL lässt Riemke am Leben, entscheidet im Gegenstoß zu früh, nicht aufs Tempo zu gehen und lässt im Abschluss den Killerinstinkt vermissen, der auch schon gegen Welper gefehlt hat. Wenn das besser wird, dann wird auch die kleine Chance der sicherlich mit Feuer aus der Kabine stürmenden Gastgeber im Keim erstickt.
Raus aus der Kabine und rein in die zweiten 30 Minuten, in denen beide Mannschaften die ersten freien Bälle vor die Gräten der Schnapper knallen. Technische Fehler von Riemke bestraft der VfL trotzdem konsequenter, kann sich erst auf 12:17 und dann auf 14:19 absetzen, hat nach 40 Minuten beim 16:20 aber erneut gezeigt, dass die Annahme aus der Vorwoche, alle Fehlwürfe wäre man gegen Welper losgeworden, grob falsch war. Auch im Derby bleibt eine Wagenladung an klaren Chancen ungenutzt. Diese Fahrlässigkeit bleibt nur deshalb ungesühnt, weil die Deckung weiterhin gut steht, ordentlich verschiebt und sich zur bereits beschriebenen Leistung des Knorrwarts noch ein weiterer Faktor gesellt. Lars Wegge, 45 Minuten nur auf der Bank geschmort, hält aus der Kalten erst den ersten Siebenmeter, verunsichert dann den Schützen beim zweiten Strafwurf so stark, dass dieser einen technischen Fehler verursacht und schnappt sich ganz nebenbei noch den dritten Strafwurf. Angetrieben von einer solchen Torwartleistung schraubt der VfL das Ergebnis von 17:20 noch auf 19:24 und gewinnt das U35-Derby in Riemke am Ende klar.
Nach dem Sieg der Moral zum Saisonauftakt sind es heute Deckung und Torwart im Zusammenspiel, die den Bochumern in den richtigen Farben die zwei Punkte sichern. Wie schon der grüne Zaubergnom Yoda vor Jahrzehnten prophezeite, sind sie immer zu zweit, keiner mehr, keiner weniger. Originär auf die Charmebolzen der Sith bezogen, beweisen auch Lars Wegge und der Knorrwart im Duo, dass es trotz guter Leistung eines Schnappers immer einen zweiten gibt und braucht. Davon abgesehen hakt es zwar immer noch ordentlich darin, den Ball zwischen die Pfosten einzuschweißen, manche Mechanismen greifen dann aber doch schon etwas besser. Die nächste Chance auf größere Konstanz hat der VfL nach einem spielfreien Wochenende am Tag der deutschen Einheit gegen den PSV Recklinghausen, dann allerdings ohne seinen patentierten Speedster. Schweren Herzen muss die Bande ihr eigenes Pamela Reif-Imitat ziehen lassen. Wirbelwind Roman Saure zieht es durch berufliche und private Verpflichtungen weg aus der Halle, die die Welt bedeutet. Nicht nur das unorthodoxe Anlaufen aller Gegenspieler in der Halle inklusive Ersatzbank und stillem Örtchen oder das gemeinsame Fluchen und Schwitzen, wenn die stets lachende Sportskanone mal wieder eine tolle Aufwärmidee hatte, werden fehlen, sondern dem VfL bricht auch ein stets aufrechter und gerader Typ weg, dessen persönliche und sportliche Entwicklung seit dem ersten Tor vor Jahren beim Auswärtsspiel in Suderwich ein Quell steter Freude war. Danke Roman, für Einsatz und Leidenschaft, Gelächter und Geschwitze. Glück auf. Entsprechend verabschiedet wird Roman von der Mannschaft noch, die im Gedenken an ihren Flügelflitzer und mit Tatü Tata Mika mit dem Bestrafungsknüppel im Gedächtnis stets dabei noch durch die ein oder andere Bochumer Lokalität flitzt.
Den Spruch des Tages liefert der andere, minimal langsamere Flügelwacholder Mark, der seinen Gesundheitszustand im Hinblick auf mehr notwendige Spielzeit zusammenfasst: Ich hoffe, dass der Körper noch eine Saison mit Zauberei und Panzertape zusammenhält, danach muss ich mir was anderes suchen.
Gewisse Anleihen an Magie hat auch der Knorrwart, der neben komischen Sprüchen heute auch genügend Bälle an seine Gräten hext und von der Bande zum Spieler des Spiels gekürt wird.
Für den VfL das Derby gewonnen haben: David Knorr (TW), Lars Wegge (TW), Andreas Scherer, Omar Abdulaziz (4), Sebastian Knihs (3/2), Roman Saure (3), Sascha Behnke (3), Erik Kirchberg (3), Gordon Kempkes (2), Bjarne Behnke (2), Klaus Stagge (2), Jonas Knaust (1), Jannik Kocian (1), Max Lorenz, Mark Stinn.