Teutonia Riemke 2 – VfL Bochum 28:29 (12:13)
Für Fixe: Der VfL gewinnt das dritte Stadtteilderby der Saison denkbar knapp, durch die starken Wechselmöglichkeiten am Ende verdient.
Zwei Teams mal waren – beide gleich an Würdigkeit, hier in Bochum, wo der Harzpott steht. Frei zitiert nach dem britischen Handballconnaisseur William Shakespeare waren die Drittvertretung der Teutonen aus dem Bochumer Norden und die Bande Bochumer Buben lange Jahre im Bier vereint, durch die Vereinsfarben getrennt. Im U35-Derby zwischen der Böllhalle und dem stolz aufragenden Lohring wurde so manche denkwürdige Handballschlacht geschlagen und die Chronistenpflicht gebietet es, auch an jene Partien zu erinnern, in denen die Grünen den Blauen gepflegt in die Suppe spucken konnten. Die ganz alt Eingesessenen erinnern sich noch daran, wie Teutonia dem VfL vor einer Dekade den Aufstieg verhagelt hat, den etwas Jüngeren schießt direkt das Bild von Lars Sikorski durch den präfrontalen Cortex, welcher in der Hinrunde der Vorsaison quasi mit dem Schlusspfiff den Ball am Riemker Schlussmann vorbeilegte und damit den Grundstein für eine beispiellose Serie in den Boden des Lokalsports stampfte, die im Jubel ausgelassener Bochumer und im Aufstieg in die Kreisliga gipfelte. Parallel dazu musste die zweite Mannschaft von Riemke den Abstieg in eben jene Spielklasse hinnehmen. Beste Voraussetzungen also für ebenfalls rassige Derbys auch in dieser Spielzeit. Das erste dieser Derbys gab es direkt zur Saisoneröffnung – der VfL legte den Grundstein in einer ekeligen Deckung, hielt den Nachbarn bei achtzehn Toren und behielt die Punkte in der Stadtmitte. Zum Rückrundenauftakt trennt beide Teams allerdings nur ein einsames Pünktchen. Während die Mannen des Trainergespanns Stroop/ Wiegand Konstanz wieder nur auf der Landkarte finden und sich Punktgewinne in Rauxel und gegen Waltrop abwechseln mit Niederlagen bei der ETG Recklinghausen oder in Sprockhövel, hat Riemke die Halle in der Agnesstraße zu einer veritablen Heimfestung ausgebaut, zwei Drittel der Punkte zuhause geholt. Personell sind gerade Auswärtsspiele des VfL in Riemke immer eine extragroße Wundertüte – weiß man doch nie, welche Altinternationalen oder vielversprechenden Jugendspieler Teutonia aus dem Hut zaubern kann. Die Bochumer in Blau fahren den eingeschlagenen Verjüngungskurs weiter, haben insgesamt vier A-Jugendspieler in ihren Reihen und können auch sonst auf das Gros ihrer Stammspieler bauen. In der „Böllhölle“, wo die Temperatur schon vor Spielbeginn nach oben klettert, klettert im gleichen Maße die Vorfreude und Nervosität. Auf geht’s, Derbytime.
Mit der Formation Birkemeier – Hardam – Cousen – Kocian – Plewnia – Knihs vor Fabi Gohl im Tor ist es geballte Erfahrung, die für einen ruhigen und klaren Beginn sorgen sollen. Das gelingt nicht, die ersten Angriffsaktionen sind zu erzwungen, Riemke kann aus der zweiten Welle die heute wichtigen, weil wuchtig agierenden Rückraumspieler, vor allem den im Hinspiel noch blassen Dilar Al-Youssef, in die Bewegung bringen. Die Harzkugel knallt dem Gohli im Tor nur so um die Ohren, nach 7:23 scheitert Max vom Strich auch noch am gegnerischen Torwart – 2:5, es scheint der Wurm drin. Zur Wahrheit gehört aber auch, dass in der Anfangsphase bei Riemke viel, beim VfL sehr wenig Spielglück liegt. Aus dem Sumpf des Spielpechs zieht die Mannen von Trainer Sven Wiegand, der auf der Bank in Abwesenheit des Druiden Stroopolix vom verletzten Knorrwart lautstarke Unterstützung bekommt, mit all seiner Klasse und Erfahrung Alex Cousen. Die Bochumer Zaubermaus hat ihren Taktstock ausgepackt und lässt die wilde 13 auf dem Feld klar wissen, wo die Musik spielt. Ein Steal in der Deckung, zweimal starke Spielleitung und schon steht es 5:5. Dieser Wille bleibt in der ersten Halbzeit die große Stärke der im Dunkelblaumann malochenden Gäste. Eine Zeitstrafe wegen eines Wechselfehlers, doch ins Tor kullernde Bälle bei eigentlich guter Deckung – der VfL bleibt dran. Es wird und bleibt ein Spiel auf Augenhöhe, bei dem der Schlusspunkt in einer spannenden, aber von beiden Seiten fehlerbehafteten Hälfte dem Capitano selbst gebührt. Mit dem 12:13 erzielt Jannik Kocian nach feinem Durchbruch von Halbrechts die erste Führung für die Gäste, die damit das Momentum mit in die Kabine nehmen.
In den alt-ehrwürdigen Katakomben unter der Halle muss der Fokus geschärft werden. Die Bande hat sich in eine gute Position gekämpft, aber muss an die eigenen Stärken glauben. Ein konsequenter Rückzug und eine noch häufiger angezogene zweite Welle werden am Ende den Ausschlag gegen eine Heimmannschaft geben, die von der Bank nicht die Adäquanz bringen kann, die der VfL zur Verfügung hat.
Die ersten Tore nach der Pause gebühren zwar den Gastgebern, der VfL bleibt aber dran. Ein Dreiklang an Treffern von Alex Cousen, ein verworfener Siebenmeter von Teutonia und schon kann Leo Hardam zur ersten Zwei-Tore-Führung der Partie einnetzen. Auch Riemke gibt nicht klein bei, kann die Partie drehen und nach 49 Minuten mit 22:21 in Führung gehen. Gegen die Rückraumgewalt der Gastgeber fehlt den Gästen in dieser Phase etwas die Leichtfüßigkeit, die Lücken sind zu groß. Der Lichtblick in dieser Phase ist Lars Wegge, der mehr als nahtlos den Knorrwart in seiner Riemke-Form ersetzt, die Riemker Werfer reihenweise zur Verzweiflung treibt und gerade den Linksaußen von Teutonia in der Nacht auf Sonntag noch durch die Albträume geistern wird. Bochum wäre nicht Bochum und Handball wäre nicht der geilste Sport der Welt, wenn sich in den letzten zehn Minuten nicht noch Drama, Schweiß und Emotionen en masse verstecken würden. Den Auftakt macht Tausendsascha Behnke, der zum 22:23 seine Farben wieder in Führung bringt. Der Riemker Ausgleich und ein seltener Fehler von Alex, dem beim Siebenmeter das Spielgerät aus der Hand rutscht, zwingen die Gäste dann aber zu einer Auszeit. Klarerer Zug zum Tor und dann rein das Ding – Handball kann einfach sein. Die Ansage vom Coach versteht Noah Werner in seinem ersten Ligaspiel für die ersten Herren am besten, nagelt die Kirsche zweimal unter Bedrängnis ins Tor und stellt so auf 23:25. Mit noch 178 Sekunden auf der Uhr macht Leo Hardam auf Außen den berühmten Schritt zu viel, bekommt zwei Minuten Bedenkzeit und Riemke Siebenmeter. Lars hat den Nachmittag vor dem Spiel in der Bochumer Stadtbibliothek verbracht, liest den Schützen wie ein offenes Buch und weiß schon vor dem Werfer, wo der Ball landen wird. Die Parade ist folgerichtig und bringt die Halle so richtig zum Beben. Noch lauter wird es auf der Gästebank, als Torben Nolting, laut Spielbericht Kreisläufer, seine Rückraumkanonier-Gene entdeckt und aus 10! Metern den Ball kurzerhand ins Tor böllert. Ein weiteres Tor von Matthias Plewnia, der durch die offene Deckung durchgeht wie ein heißes Messer durch Butter, beschert den Bochumern bei 58:22 einen komfortablen Drei-Tore-Vorsprung. Eigentlich genug, sollte man meinen. Sollten neue Zuschauer dieser Meinung sein, wissen sie natürlich noch nicht, dass der VfL gerne für einen Kabelbrand im Herzschrittmacher sorgt. Eine Zeitstrafe gegen den übermotivierten Sascha Behnke, zwei Ballverluste im 4 gg 6 und Riemke gleicht aus. Das vielbesungene Momentum liegt so weit drüben bei den Grünen, die Blauen vom VfL müssen fast zittern.
Fast.
Die letzten 24 Sekunde ziehen sich wie Kaugummi. Der Ball läuft in Richtung Linksaußen, wo Leo den Druck mitnimmt und wieder in Richtung Noah auf Halblinks spielt. Dann aber geschieht Außergewöhnliches: Noah erinnert sich daran, dass Leo im Training auch mal von Außen wirft und dem oft auf Halb ballernden Hardam schießt es wie ein Blitz durch die Großhirnrinde: Gelernt hab ich den Sport auf Außen. Der Ball findet wieder die wartenden, schon leicht ungeduldig zuckenden Finger der Bochumer Nummer 15 und als dessen wohlgeformte Stelzen den Körper grazil in Richtung Siebenmeterpunkt fliegen lassen, hat Teutonia das Spiel verloren. Sie wissen es nur noch nicht. Mit der Präzision eines Skalpells und der Geduld einer Raubkatze lässt der schönste Springfloh des Ruhrgebiets die Harzpille durch die aufgehenden Beine des Riemker Schlussmanns tropfen. 28:29, Schlusspfiff, Extase.
Sollte sich noch jemand gewundert haben, warum die Mannen des Trainerduos Stroop/ Wiegand lange Wege zu Auswärtsfahrten auf sich nehmen und auch unter der Woche in schlecht gelüfteten Schulsporthallen ihre Knochen hinhalten, dann zeige man ihr oder ihm dieses Spiel. Zwei Teams auf Augenhöhe, ein faires, sportliches Ringen und am Ende eine Partie auf Messers Schneide. Mehr geht nicht. Der VfL rammt die blau-weiße Fahne in den Boden der Böllhalle, gewinnt in Riemke auch das dritte Stadtderby der Saison und zeigt eindrucksvoll, dass die Mannschaft in der Kreisliga angekommen ist. Die Stärke der Bochumer in dieser Saison und vor allem in diesem Spiel ist die Breite des Kaders. Funktionieren klare und etablierte Stützen in Angriff und Abwehr mal nicht oder fallen aus, dann nehmen andere Spieler den Ball auf und springen in die Bresche. Das beste Beispiel ist Lars Wegge. Dass in der Kreisliga von einem gut eingespielten Torwartduo eine Hälfte wegbricht und die andere Hälfte einen guten, aber nicht überragenden Tag hat, ist der Natur des Sports geschuldet. Dass in dieser Konstellation ein dritter Mann bereitsteht, der dem Spiel dermaßen seinen Stempel aufdrückt, ist beachtlich. Insgesamt klappt die Integration von A-Jugend und Herren hervorragend, schon fünf Spieler haben sich ihre ersten Sporen im Herrenbereich verdienen können und dass Namen wie Lasse Benking und Diego Jakobs ganz selbstverständlich auf dem Spielberichtsbogen auftauchen, ist ein gutes Zeichen. Der VfL hält mit dem Sieg Abstand nach unten, setzt sich vor die Teutonen und grüßt in einer durch Nachholspiele leicht verzerrten Tabelle zwischenzeitlich von Platz Fünf. Durch den Ausfall des Spiels gegen Hattingen-Sprockhövel 3 wartet mit dem TuS Ickern erst am 29.01. das nächste Spiel auf die Bochumer, die standesgemäß bei Fiege und Bochum-Teller den Abend ausklingen lassen. Den Abend zusammen fasst stilecht wie immer Altmeister Paule: „Du weißt doch, wie das ist mit dem Eis und dem Hörnchen“.
Am Eis lecken lassen, aber die gesamte Hörnchenlieferung gegessen hat der heute überlebensgroße Spieler des Spiels. Lars Wegge hält alles, was zu halten ist, einen Großteil der Unhaltbaren und setzt sich absolut verdient die Krone auf.

Den Spruch des Tages liefert beim Training unter der Woche Wacholderboy Mark Stinn nach, der seine Abwesenheit am Wochenende wie folgt erklärt: Ich falle grundsätzlich mit PTMS aus – potenziell tödlichem Männerschnupfen.
Potenziell geile Derbysieger in Riemke sind: Fabi Gohl (TW), Lars Wegge (TW), Max Birkemeier (1), Lasse Benking, Diego Jakobs (1), Noah Werner (2), Sebastian Knihs, Alex Cousen (6/3), Leo Hardam (7), Sascha Behnke (3), Matthias Plewnia (3), Niklas Willrodt, Jannik Kocian (2), Torben Nolting (4).