Westfalia Scherlebeck – VfL Bochum 40:28 (19:15)
Für Fixe: 30 starke Minuten auf der Habenseite, 30 überhastete Minuten dagegen – unterm Strich setzt es für den VfL in Scherlebeck eine verdiente Niederlage, bei der Westfalia zeigt, dass sie zurecht oben mitspielen.
Lang lang ist es her, dass der VfL die geheiligte Kugel das letzte Mal durch die Halle fliegen ließ – oder so fühlt es sich zumindest an. Faktisch war es der 20.12. des Vorjahres, als die Bochumer Buben in einem engen Spiel den Gast aus Recklinghausen in die Schranken wiesen und das Kalenderjahr erfolgreich beendeten. Die Hinrunde in der Kreisliga hat aber noch ein weiteres Spiel parat, in Herten wartet mit Westfalia Scherlebeck ein echter Gradmesser. Angeführt von einem wurfstarken Mittelmann und ausgestattet mit einer 6-0-Deckung azs dem obersten Regalbrett der Liga ermöglichen die Gastgeber den Gästen aus Bochum eine hervorragende Standortbestimmung. Bringt die Stroop-Sieben ihr A-Game und geht über sechzig Minuten ans Leistungsmaximum, dann sind zwei Punkte drin. Fehler oder Nachlässigkeiten darf sich der VfL aber nicht erlauben. Die rutschige Reise ins kalte Herten tritt eine volle Kapelle an, das Trainergespann hat nicht nur die Qual der Wahl, sondern kann auch auf die Mithilfe des aus dem sonnigen Brasilien zurückgekehrten Diego Jakobs bauen. Gegen die starke 6:0-Deckung der Gastgeber müssen die Gäste mal wieder konsequent das Tempospiel suchen und leichte Tore erzwingen.
Vor auch bei der Kälte gut gefüllten Zuschauerrängen und mit einigen wenigen Bochumer Verirrten legt vor allem die Deckung des VfL gut los. Der Knorrwart entschärft den ersten Strafwurf der Gastgeber und hat auch sonst in den ersten zehn Minuten an vielen Bällen die Finger. Vorne läuft der Ball zwar flüssig, die letzte Abstimmung fehlt aber noch etwas. Beim 5:5 haben mit Leo Hardam und Sascha Behnke beide Halben im dunkelblauen Dress doppelt getroffen, bis zum 9:9 bleibt es ein Spiel auf absoluter Augenhöhe. Immer, wenn sich die Chance für einen kleinen Lauf der Bochumer bietet, sind es aber kleine Fehler, die auch hier schon eine bessere Ausgangsposition verhindern. Dann ist das Trainerteam zum Wechseln gezwungen, erste Zeitstrafen und nicht ausreichend eingespielte Abläufe bestraft Scherlebeck gnadenlos, kann sich mit einem 5:1-Lauf auf 14:10 absetzen. Diesem Zwischenspurt stemmt sich die Abteilung „Jugend forscht“ bei den Bochumern entgegen, gerade Diego Jakobs trifft – unter anderem in Szene gesetzt durch eine mit Wacholder getankte Passrakete von Mark Stinn – mehrfach. Zur Pause steht es – durch einen letzten Gegenstoßtreffer der Gastgeber – 19:15, die Bande muss darum kämpfen, den Anschluss nicht zu verlieren.
Trotzdem werden in den Katakomben zum Pausentee nur Kleinigkeiten korrigiert. Die Grundausrichtung gegen einen ebenfalls stark spielenden Gegner ist gut, an Passgenauigkeit und Tiefe in Tempospiel und gebundenem Angriff kann noch geschraubt werden.
Vor dem Wiederanpfiff scheint Bochum aber statt zum genutzten Sprühharz zum Kuhmistzerstäuber des örtlichen Landwirts gegriffen zu haben – denn so dezent Scheiße am Finger ist jetzt zu spüren. Der Mittelblock blockt einen Rückraumkracher zielgenau in die exakt handballgroße Lücke zwischen Arm und Bein des Knorrwarts, vorne wird der Innenpfosten der große Freund des Heimkeepers und schon steht es nach 40 Minuten 27:19. Mit steigendem Rückstand steigen auch die Nervosität und die Unruhe im Bochumer Spiel, die technischen Fehler häufen sich. Auch wenn niemandem mangelnde Einstellung vorgeworfen werden kann, rollt alsbald Gegenstoß um Gegenstoß auf den sich wacker der Flut entgegenstemmenden Fabi Gohl im Tor zu. In einzelnen Situationen wie bei gehaltenen Strafwürfen, gelungenen Ballgewinnen oder schönen Toren wie dem von Leo Hardam, der in Alex-Cousen-Gedächtnismanier den Ball zärtlich am Scheitel des Torwarts vorbeistreichelt, blitzt die Klasse der Gäste noch auf, auf Strecke kann der VfL aber nicht mehr mithalten und muss als bittere Pille in der Fiege-Pulle auch noch die 40. Hütte hinten hinnehmen. Das Spiel endet mit 40:28 gefühlt einige Tore zu hoch, aber gefühlte Ergebnisse bringen beim Handball niemandem etwas.
Der VfL zahlt in Halbzeit Zwei dem Gastgeber aus Scherlebeck brav das Lehrgeld in die ausgestreckte Hand – und das Münze für Münze und Schein für Schein bis zum Abpfiff. Fehlpässe, überhastete Würfe und andere technische Fehler bestimmen das Bild in der zweiten Halbzeit und machen aus einem engen Spiel, in dem sich die Gäste auch in Bestform hätten strecken müssen, eine klare Angelegenheit. Das Schöne an bezahltem Lehrgeld ist aber, dass im Idealfall eine Lehre damit einhergeht. Die bessere Abstimmung und weniger Fehler können im Training erarbeitet werden und bereits nächstes Wochenende sind schon zwei Trainingseinheiten mehr auf dem Buckel. Auch die Erkenntnis, dass Scherlebeck aktuell eine Nummer zu groß ist, zeigt aber, wohin eine Reise möglicherweise gehen kann. Für die Bochumer geht die Reise auf rutschiger Piste auf jeden Fall zurück in die schönste Stadt im Pott – und das ist in sich schon ein Trost. Weiter geht es für den VfL, der die Rückrunde auf Tabellenplatz Sieben abschließt, am kommenden Samstagnachmittag. Um 17:30 heißt es in der Böllhalle in Riemke, wo Teutonen schön wohnen: Derbyzeit. Zuschauer sind wie immer gern gesehen.
Trost spendet auch der Spruch des Tages, den der im Spiel zwischenzeitlich waagerecht in der Luft liegende Mark Stinn nach gefühlten fünf Stunden Ballermannbeschallung in der Kabine beim Genrewechsel zückt: Ach guck an, das Handy kann auch richtige Musik.
Richtig Musik gemacht hat auch der geteilte Spieler des Spiels. Max und Leo treffen gerade in Halbzeit Eins fast nach Belieben und harmonieren nicht nur auf dem Foto hervorragend.

Für den VfL die Scherlebeck-Schelle kassiert haben: David Knorr (TW), Fabi Gohl (TW), Leo Hardam (7/1), Diego Jakobs (7), Max Birkemeier (4), Sascha Behnke (4), Lasse Benking (3), Sebastian Knihs (1), Matthias Plewnia (1), Mark Stinn (1), Jonas Knaust, Torben Nolting, Niklas Willrodt, Jannik Kocian.