ETG Recklinghausen 2 – VfL Bochum 24:22 (8:11)
Für Fixe: Eine gute Startphase macht noch kein gutes Spiel und in einer chaotischen zweiten Halbzeit lässt sich der VfL von Gegnern, Halle und einer allgemeinen Unruhe anstecken und verliert in einer hektischen Schlussphase knapp.
Immer wieder Sonntags kommt die Erinnerung und auch wenn mit dem Aufstieg in die Kreisliga die unchristlich frühen Anwurfzeiten vor 12:00 (Wanne und Beckhausen grüßen freundlich) endlich der Vergangenheit angehören, geht es für den VfL nur unwesentlich später nach Recklinghausen. Auswärtsspiel bei ETG 2, die Chance, den negativen Lauf zu brechen. Nach gutem Saisonstart haben Niederlagen in Gladbeck und gegen Westerholt den Höhenflug der Bochumer beendet, die sich im langen Wandern durch den Novembermorast einer Handballsaison auf die Suche nach ihrer Form begeben müssen. Die Selbstverständlichkeit, die Leichtigkeit und auch das Zusammenspiel sind den Mannen von Trainer Stroop etwas abhandengekommen. Mit ETG Recklinghausen 2 stand eine Mannschaft in den Startlöchern, die unten im Tabellenkeller zuhause war, was bei der Ausgeglichenheit der Liga allerdings wenig Rückschlüsse auf den Inhalt der Eisenbahn-Wundertüte zulässt. Neben dem Feld gab es ein Wiedersehen mit Marius Siebert, von dessen kurzem Intermezzo bei der ersten Mannschaft des VfL – die linke Klebe im Gepäck – die Dellen um die Tore und die Hallenwand noch heute zeugen. Personell war das Auswärtsteam gut aufgestellt, nur der Knihser am Kreis würde seine Knochen für den Großteil der Spielzeit hinhalten müssen. Die Maßgabe musste aber wieder Tempo mit Köpfchen heißen, eine bekannte und bewährte Taktik.
Ein nervöser Beginn beider Seiten war in Anbetracht der wenigen Tore, die beide Teams bisher im Schnitt erzielten, zu erwarten. Dementsprechend dauert es 02:22 Minuten, bis Leo Hardam das 0:1 erzielt. Bochum stellt eine stabile 6:0-Deckung gegen das gebundene Spiel der Gastgeber, kann sich am Anfang auf die Aura von Knorrwart David verlassen, der zwei freie Würfe und die ersten beiden Siebenmeter der Partie mit ordentlich Erfahrung am Tor vorbeiguckt. Ein 6:1-Lauf beschließt die ersten 13 Minuten, Recklinghausen wird zur ersten Auszeit gezwungen. Aus der Auszeit kommt ETG aber verbessert, profitiert umso mehr von technischen Fehlern der Gäste und verkürzt auf 5:6.  Die kleine Schwächephase verdauen die Mannen um Capitano Jannik Kocian aber gut, setzen sich mit 5:8 und 5:11 in der 25. Minute konsequent ab. Die erste Halbzeit könnte so überzeugend sein, wären da nicht die dollen fünf VfL-Minuten vor der Pause. Einfache Ballverluste, zu leichte Gegentore, mit 8:11 geht es in die Kabine und Bochum muss sich vorwerfen, dass ein nach 15 und 25 Minuten mausetoter Gegner noch lebt.
In der Pause ist auch das die klare Ansage: Bochum bleibt stark, wenn Bochum bei sich bleibt. Der Fokus muss auf dem eigenen Spiel liegen, dann sind zwei Punkte geritzt.
Kurzer Spoiler für all jene, die die Überschrift nicht gelesen haben: Der gute Vorsatz aus der Pause hält nicht lange. Wieder im Spiel wird es direkt hektisch, über 10:12 und 14:15 robbt sich ETG Tor um Tor wieder heran, erneut eingeladen vom VfL, der sich langsam von einer immer lauteren Halle und den Emotionen der Gastgeber anstecken lässt. Nach 40:33 gleichen die Gastgeber aus, jetzt steht das Spiel auf Messers Schneide. Nach knappen 45 Minuten dann der Ober-GAU. Torwart Fabi fängt einen freien Ball des Rechtsaußen mit dem Gesicht, die Zündschnur des normalerweise so in sich ruhenden Rückhalts der Bochumer ist zu kurz und einen Schubser für den Übeltäter später geht es für den Schnapper mit Rot auf die Tribüne. Lautstarke Diskussionen aller Spieler, aller Offiziellen und der Zuschauer brechen los, das Spiel ist für mehrere Minuten unterbrochen. Aus der Zwangspause ist jeglicher Spielfluss dahin, wenn zwischen dem Wischen, was die Gastgeber jetzt jeden! Angriff in Anspruch nehmen, doch mal Handball gespielt wird, sind es Einzelaktionen, mit denen sich Recklinghausen über 19:17 auf 23:18 absetzt. Fünf noch zu spielende Minuten, fünf Tore Rückstand, Handball ist trotz allem ein geiler Sport, weil das Spiel noch nicht vorbei ist. Nach einer Auszeit stellt Trainer Stroop auf eine offene Deckung um, zweimal der eiskalte Leo vom Punkt und dann Jannik Kocian im erweiterten Gegenstoß später steht es 23:21, auch ETG geht jetzt merklich der Stift. Die letzten 120 Sekunden sind intensiv. Erst trifft Sebastian Knihs zum 23:22, dann hat der Knorrwart eine Gräte am Ball, der VfL ist in Ballbesitz. 45 Sekunden sind zu spielen, bei gepfiffenem Freiwurf für die Bochumer bringt der etwas übereifrige Kreisläufer den Torhüter der Gegner zu Fall, weil dieser das harzige Spielgerät einen Tick zu lange in den eigenen Griffeln hält. Erneut braust ein Aufruhr durch die Halle, das Trikot des Schnappers nimmt Schaden, die Schiedsrichter entscheiden auf Ballbesitz ETG. Die Gastgeber spielen mit ihrem Ballbesitz das Spiel zu Ende, treffen ein letztes Mal und behalten beide Punkte in Recklinghausen.
Dass sich in einem solch chaotischen Spiel, bei dem beide Mannschaften gegenseitig keine großen Sympathiepunkte gewonnen haben, der Fehlerteufel einschleicht ist verständlich. Dass der VfL mit der offenen Deckung in den letzten Minuten die Partie beinahe noch umbiegen kann ist lobenswert – an mangelndem Biss und Willen liegt es nicht. Aber nach einem solchen Start in die Begegnung darf Bochum niemals ETG in die Position bringen, das Spiel noch offen zu halten. Emotionen, Nickeligkeiten und Publikum könnten die zweiten 30 Minuten gar nicht so beeinflussen und die spezielle Spielweise der Gastgeber hätte ebenfalls keinen so direkten Einfluss nehmen können, wenn der VfL konsequent seine Stärken ausgespielt hätte. Sport passiert aber leider nicht im Konjunktiv, Spielglück und Spielfluss sucht man am Ende vergeblich. Bochum wäre aber nicht Bochum, wenn es nach einem solchen unnötigen und unerwarteten Rückschlag nicht wieder aufstehen würde. Die Mannschaft und das Trainerteam sind zu gefestigt, als dass eine Niederlagenserie die Grundfesten des VfL erschüttern würde. Trotzdem ist in der Trainingswoche harte Arbeit angesagt, um mit der notwendigen Intensität die Vorbereitung auf das kommende Spiel in Welper vorzubereiten. Anpfiff ist am Samstag um 16:00.
Der Spruch des Tages entfleucht nach dem Spiel Flügelflitzer Roman, der mit einem Stauder-T-Shirt und einer Fiege-Mütze das lebende Beispiel für die integrative Kraft des Sports im Ruhrgebiet ist: Wir hatten auch Pech, aber wir haben auch Scheiße gespielt.
Heute eher mit Lautstärke und Aura ausgestattet als mit Zimmermannqualitäten wird der trotzdem für wichtige Paraden gute Knorrwart Spieler des Spiels.

Für den VfL den Wahnsinn von Recklinghausen auf sich genommen haben: David Knorr (TW), Fabi Gohl (TW), Max Birkemeier (4/3), Lasse Benking (1), Alex Cousen (1), Mark Stinn, Sebastian Knihs (3), Gordon Kempkes (1), Roman Saure (2), Sascha Behnke (1), Leo Hardam (6/3), Matthias Plewnia (1), Jannik Kocian (2).