Tus Ickern – VfL Bochum 29:45 (12:20)
Für Fixe: Ein junger, frischer VfL lässt sich vom Ausfall mehrerer erfahrener Spieler nicht aufhalten und rollt im Nachholspiel in Ickern ungebremst über die Gastgeber.
Der Januar des gerade erst frisch aus dem Ofen gezogenen Jahres 2026 neigt sich bereits seinem fröstelnden Ende zu, doch frostige Temperaturen kennen die Handballer des VfL Bochum nur von dieser einen, ominösen Dusche in der Ecke der Umkleidekabine in der Halle Markstraße. Das emotional aufgeladene und maximal heiß hergehende Derby in Riemke hatte die Mannen des Trainergespanns Stroop/ Wiegand ordentlich auf Betriebstemperatur gebracht, zwei Auswärtspunkte gab es extra on top. Durch den Ausfall des Rückspiels gegen Hattingen-Sprockhövel stand unter der Woche als nächster Tagesordnungspunkt allerdings die Reise in Richtung Castrop-Rauxel an, ein Anlass, geradezu prädestiniert, um einem den mit Fiege-Pils angereichten Lebenssaft in den Adern gefrieren zu lassen. Eigentlich, denn Reisen auch in ausgewiesene Krisengebiete zum Zwecke der Völkerverständigung auf der einen Seite und zum Frönen des erwiesenermaßen geilsten Sports der Welt auf der anderen Seite sind eher dazu geeignet, Sportlerblut zum Kochen zu bringen. Im weiten Rund der Bochumer Bande kann einem ob so viel kameradschaftlichem Zusammenhalt sowieso nur wohlig warm ums Herz werden – zumindest bis ein ebenso treffsicherer wie dämlicher Spruch das Kartenhaus der Gefühle wieder zum Einstürzen bringt. Der TuS Ickern als Gastgeber der Bochumer hatte die Bitte um Spielverlegung im Dezember noch unter den Weihnachtsbaum gelegt und setzte in einem Spiel, was nominell und tabellarisch auf Augenhöhe stattfinden würde, auf eine volle Bank und körperlich sehr präsente Spieler. Beim Anblick der geballten Muskelmasse in Gelb und Blau, die jenseits der Mittellinie beim Einwerfen hin und her wogt, wünscht sich so mancher Bochumer Junge eine Familienpackung Creatin und eine Mitgliedschaft in einem Fitnessstudio seiner Wahl.
Verzagen müssen die Bochumer jedoch nicht, hat Druide Stroopolix in seinem magisch zurechtgedengelten Kessel doch ein maximal frisches Spielersüppchen gekocht. Ohne viele etablierte Grundzutaten – keine Flohbeine, da Leo Hardam verhindert ist, kein angerührter Beton ohne den Knihser und keinen Energizer aus eingekochten Capitano-Schonern ohne Jannik Kocian, um nur wenige zu nennen – bleibt Tempo die absolute Maxime. Aus einer schnellen Deckung muss Bochum mit allem Druck, der irgendwo vorhanden ist, ins Umschaltspiel kommen. Dabei mithelfen sollen insgesamt vier Spieler, die auch das Trikot der A-Jugend überstreifen, inzwischen bei den Herren aber mehr als nur Kabinenluft schnuppern. Dass Auswärtstrips nach Castrop-Rauxel in dieser Saison erfolgsversprechend sind, hat der VfL bereits im Hinspiel bei Rauxel-Schwerin bewiesen. Der Knorrwart beschwört nochmal den Zusammenhalt der mit schnieken neuen Warmmachshirts ausgestatteten Bande und schon fliegt der Ball.
Unter den Augen der treuen, stets beim Auswärtsspiel mitgereisten beiden VfL-Ultras startet Bochum wie die Feuerwehr. In den ersten zehn Minuten drücken zwei Spieler dem Spiel ihren Stempel auf. Der erste ist die – nun ja – Feuerwehr. Bochums Frankenimport Jonas Knaust borgt sich von Springfloh Leo die Offensivqualitäten, mopst vom Langzeitverletzten Kraftriegel Gordon Kempkes die ekelhaft unbequeme Deckung gegen körperlich überlegen wirkende Gegner und ist überall zu finden. Linksaußen, aus dem Rückraum oder aus dem Durchbruch von Halbrechts – vier der ersten acht Treffer gehen auf das Konto des Bochumer Schattenkanzlers, der in der Deckung so kompromisslos zupackt, dass sich geneigte Beobachter kurz wundern müssen, ob der Gegenspieler Jonas nicht fälschlicherweise in einen Weißwurstäquator-Ignoranz-Eintopf geschmissen und als Bayern bezeichnet hat. Abseits von starken Einzelaktionen krankt aber gerade die Deckung in den ersten zehn Minuten an mangelnder Abstimmung. Die blaue Wand verschiebt zu zögerlich, gerade die Außenspieler stoßen die Abwehrbewegung nicht konsequent genug an. Dass Ickern aus den Lücken kein Kapital schlagen kann, liegt an einer starken Anfangsphase des Knorrwarts. Gegen Riemke noch an den Quadratlatschen lädiert, hat sich der Bochumer Schnapper offensichtlich seine Paraden aufgespart, nagelt die Kiste zu und hat nach guten 12 Minuten, als sich der Staub der Bochumer Anfangsoffensive langsam auf den spiegelglatten Hallenboden legt, den entnervt anrennenden Gastgebern schon zwei Siebenmeter und mehrere freie Bälle abgekauft. Ein Zwischenstand von 3:9 für die Bochumer Bande spricht Bände, beim 4:12 nach einer Viertelstunde ruft die Pfeife der Zeitnehmer zum Timeout. Aus einem druckvollen Angriff muss Bochum jetzt nicht nachlassen, die Mannen aus Rauxel werden den Gästen nicht den Gefallen tun und weiter Chance um Chance auslassen. Bis zur Pause kann der TuS den Abstand konstant halten, profitiert von besseren Torabschlüssen und den ersten Fehlwürfen der Bochumer.
In die Kabine geht es mit 12:20, wobei das Ergebnis klarer ist als das Spiel bisher hergibt. Die klar stärkere Abschlussquote und das Tempo sind die Trümpfe in der Bochumer Hand. In einer Partie, die zwischenzeitlich klare Anwandlungen vom Debattierclub Castrop-Rauxel hat, droht der Fokus zwischen Zuschauern, Schiedsrichtern und freundschaftlichem Trashtalk auf der Platte verloren zu gehen. In den zweiten 30 Minuten müssen die Mannen vom VfL gerade diesen Fokus aber hochhalten.
Raus aus der Kabine, rein ins Vergnügen. Wie bei so vielen klaren Spielen ist die zweite Hälfte schnell erzählt. Ickern kommt mit mehr offensivem Druck und dem Mut der Verzweiflung zurück ins Spiel, kann daraus aber nur bedingt Profit schlagen. Im Ickerner Angriff zieht mit der Nr. 20 jetzt ein Spieler die Fäden, für den der Begriff „Alt-International“ erfunden wurde. Geballte Handballerfahrung und eine gewisse Gelassenheit im Spiel zeigen sich nicht nur in starken Anspielen an den Kreis, sondern auch darin, dem angesetzten Manndecker in Unterzahl zuzuflüstern: „Dein Trainer hat gesagt, du sollst den anderen mannnehmen.“ Bei solchen Tricks und Kniffen bekommt die Bochumer Zaubermaus Alex Cousen, leidlich bekannt für eine eher üppig gefüllte Trickkiste, das Grinsen kaum aus dem Gesicht. Für allgemeines Bochumer Grinsen sorgt auch weiterhin die Angriffsleistung. Beim 18:24 nach 37 Minuten darf der Gastgeber leicht an den Bochumern schnüffeln, bevor der VfL die ganz großen Geschütze auspackt. Frisch poliert und gerade erst in den Dienst gestellt zeigen die Bochumer Jungspunde in der zweiten Halbzeit, dass die Zukunft rosig aussieht. Lars Wegge, heute für den beruflich verhinderten Fabi Gohl mit dabei, hält die letzten zwanzig Minuten quasi nach Belieben und vorne kloppen Lasse Benking, Diego Jakobs und Erik Kirchberg ein richtiges Statement in die Hallenwand. Nachdem der Rauch der großen Kaliber sich so langsam legt, haben die drei Nachwuchsmusketiere achtzehn! der 25 Tore in der zweiten Halbzeit erzielt und jeden nur winzigen Zweifel am Ergebnis waidmännisch fachgerecht erlegt. Am Ende zeigt die Anzeigetafel den ungläubigen Augen ein 29:45.
Unterm Strich bleibt das Spiel eine klare Angelegenheit und es bewahrheitet sich, dass die einzigen Anreize für eine Fahrt aus Bochum nach Castrop-Rauxel in dieser Spielzeit zwei Auswärtspunkte sind. Analytisch ist die Aussagekraft begrenzt, mit der Wucht und dem Tempo des Bochumer Spiels kann der Gastgeber gerade in Halbzeit Zwei nicht mithalten. Eine ausbaufähige Torhüterleistung auf Ickerner Seite tut ihr Übriges. Die nächste Auswärtsaufgabe für die Bochumer wartet am Sonntag, den 08.02 in Waltrop. Beim Tabellenführer ist die Aufgabe ungleich schwerer, die Freude aber ungebremst. Handball beim VfL macht auch 2025/2026 einfach richtig Bock.
Den Spruch des Tages gibt es zur Feier des Sieges im Doppelpack, was umso erstaunlicher ist, weil von den üblichen Verdächtigen Paul Ruppersberger und Fabi Gohl keine nennenswerten Bonmots über die zugegebenermaßen hohe Messlatte hüpften.
Zum einen ließ sich Acht-Tore-Lasse Benking am Trainingsdienstag über zu frühen Kontakt mit der Außenwelt am Wochenende aus: Die hat mich Sontag morgen angerufen – um 12.
Zum anderen beschreibt Feuerwehrmann Jonas Knaust zauberhaft seinen starken Start und seine geringeren Einsatzzeiten in Halbzeit Zwei: Ich hab meinem Namen alle Ehre gemacht, losgelegt wie die Feuerwehr und dann kein Druck auf dem Schlauch.
Genug Druck auf dem Schlauch und seine patentierten „Der Abwehrspieler geht mal Pommes holen“ – Wackler ständig im Gepäck hat der Spieler des Spiels. 14 Tore sind bärenstark und da die Anspiele an Kreis und Mitspieler weiterhin zum Zunge schnalzen sind, setzt sich Diego Jakobs vollkommen verdient die ihm frecherweise auch noch gut stehende Krone auf.

Für den VfL die Bildungsreise „Tempo und Tore“ nach Ickern unternommen haben: David Knorr (TW), Lars Wegge (TW), Diego Jakobs (14), Lasse Benking (8), Sascha Behnke (6), Jonas Knaust (5), Erik Kirchberg (4), Niklas Willrodt (2), Torben Nolting (2), Mark Stinn (2), Matthias Plewnia (1), Alex Cousen,